Augenschein
mit Rückblende in Hochdorf im Seetal.
mjm. Dominik Thali stutzt und muss
überlegen. Der Redaktor der Wochenzeitung
'Seetaler Bote', einer der besten Kenner
der lokalen Verhältnisse, kann auf
Anhieb kein Markenzeichen für Hochdorf
nennen. Die Heliomalt-Geschichte sei lange
vorbei, die Gemeinde im Luzerner Teil des
Tals, dem Baldegger- und Hallwilersee den
Namen gegeben haben, habe heute eigentlich
kein Image - weder ein positives noch ein
negatives. Das sei auch ein Thema gewesen
vor einem Jahr an einem Leitbild-Tag der
Gemeinde.
Hauptstrasse als Zentrum.
Hochdorf, Hauptort des gleichnamigen
Luzerner Amtes mit 7500 Einwohnern, ist
für den Besucher zuerst vor allem Strassendorf
mit vielen Fussgängerstreifen. Der
Verkehr nimmt dem Ort viel von seiner Gastlichkeit.
Die zentralen Orte liegen gruppiert um einen
Kreisverkehr und entlang der Hauptstrasse,
die in den Stosszeiten stark befahren wird.
Die Strasse trennt und verbindet. Der 'Hirschen'
liegt unmittelbar am Kreisel, auf der andern
Seite befindet sich das neue Kulturzentrum
'Braui' mit Restaurant, diverse kleinere
Geschäfte und das Rathaus säumen
die Strasse. Auch die erhöht gelegene,
etwas zurückversetzte Kirche, die mit
dem markanten Pfarrhaus ein schönes
Ensemble bildet, ist auf die Strasse ausgerichtet.
Orientierungspunkte für Konsumenten
sind schliesslich, je in modernen Überbauungen
untergebracht, die Migros auf der einen
und der Coop auf der andern Seite der Strasse.
Nicht weit vom Kreisverkehr, aber nicht
direkt an der Strasse liegt der alte, renovierte
Bahnhof. Die Seetalbahn, der 'Seetaler',
wie alle sagen, hält dort. Die Bahn
eignet sich als Ausgangspunkt für eine
Reise in die Boomjahre von Hochdorf vor
dem Ersten Weltkrieg. Dank der Erschliessung
durch die als Strassenbahn angelegte Lake
Valley of Switzerland Railway Company wurde
die Gemeinde schlagartig industrialisiert.
Schrittmacher in der Konjunkturphase war
Bahndirektor Theophil Schmidlin, der auf
die Unterstützung des Zürcher
Bankiers Heinrich Burkhardt zählen
konnte. Die Schweizerische Milchgesellschaft
Hochdorf, die Swiss Milk Company, war das
Zugpferd der Entwicklung. Das Geschäft
mit sterilisierten und konservierten Milchprodukten
blühte. Spektakulär war die Schokoladefabrik
Lucerna mit den neusten Produktionsmaschinen
aus dem In- und Ausland.
Grösstes Schauspielhaus der
Schweiz.
Ferner entstanden nach dem Bahnanschluss
eine Ziegelei, eine Brauerei sowie Fabriken
für Seifen, Kunststeine, eine Armaturen-
und eine Möbelfabrik. Hinzu kamen ein
Kasino und ein Kaufhaus mit dem weltstädtischen
Namen 'Au Louvre'. Das Schauspielhaus, mit
1300 Sitzplätzen das grösste seiner
Zeit in der Schweiz, lockte Festspiel-Touristen
aus dem ganzen Land ins Seetal. 1900 wurde
'Wilhelm Tell' gegeben; die ganze Dorfbevölkerung
machte bei Massenszenen mit, die Lokomotiven
der Seetalbahn produzierten Theaternebel
und Wolken. Indessen erlahmte das Interesse
am Theater rasch - nach 1903 wurde das Schauspielhaus
als Lagerhaus genutzt. Zwischen 1889 und
1914 hatte sich die Einwohnerzahl Hochdorfs
annähernd verdreifacht. Vor allem Italiener,
von den Industrien herbeigelockt, siedelten
sich an. Am 22. Juli 1907 erlebte das Dorf
einen Generalstreik, den ersten in der Schweiz
und bis heute einzigen auf der Luzerner
Landschaft. Das Zentrum der sozialpolitischen
Bewegungen befand sich in der Pension 'Eintracht'.
Der Streik, bei dem Hunderte mit roten Fahnen
auf der Baldeggerstrasse demonstrierten,
wurde mit Hilfe der dritten Kompanie des
Bataillons 44 beendet, die Streikführer
ausgewiesen. Die Boomjahre waren auf das
Gebiet der Gemeinde beschränkt und
dauerten bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs.
Danach ging Hochdorf seines Glanzes und
Pioniercharakters zunehmend verlustig.
Solides industrielles Fundament.
Fiel Hochdorf nach den Boomjahren
in die ruhigen Pfade einer früheren,
gewerblich-bäuerlichen Entwicklung
zurück? Ist die wirtschaftliche Stärke
im Vergleich zu damals welk geworden? Wie
präsentiert sich die Situation heute?
Nachfrage bei André Bieri, dem Gemeindepräsidenten
und Rechtsanwalt. Ein solides industrielles
Fundament habe sich erhalten - gestärkt
worden sei es immer wieder durch eine parteipolitisch
unabhängige Liberalität, die konservativ
oder liberal sein mochte. 4500 Arbeitsplätze
in 400 Betrieben weise die Gemeinde heute
auf. Darunter habe es grosse Unternehmen,
wie das schweizerische Verteilzentrum von
Manor oder den Fensterbauer 4B, aber auch
Betriebe aus der Gründerzeit wie die
Ziegelei oder die Nutritec, die ehemalige
'Süüdi', die Milchpulver produziere,
vor allem aber viele kleine Betriebe. Schwierig
gestaltete sich da und dort der Übergang
von der Produktion zu den Dienstleistungen,
er gehe langsamer vor sich als andernorts.
Wie ein ehemaliger Industriebetrieb umgenutzt
werden kann, zeigt sich bei der Novex AG
Möbelbau an der Baldeggerstrasse vis-à-vis
der Ziegelei. Durch die Verlegung der Stahlmöbelproduktion
von Hochdorf nach Huttwil wurde ein dreistöckiges
Produktionsgebäude frei. Nun soll in
den hohen, hellen Produktionsräumen
eine 'Fabrik für Gestaltung Hochdorf'
entstehen, für Mieter aus den Bereichen
Grafik, Design, PR, Architektur und Büroplanung.
Zwei Drittel der Fläche von 6380 Quadratmetern
sind vermietet. Elf Mieter, darunter eine
Werbeagentur, ein Webdesigner und ein Büroplaner,
sind für den Einzug nach dem 1. September
bereit.
Dann wird nach einer sanften Renovation
eine neue Farbe - frisches Weiss an der
Stelle eines feinen Altrosas - die Umwandlung
in den lichtdurchfluteten Loft-Büros
signalisieren. Der Name des Projekts lautet
'6280.ch'. Weil dies gleichzeitig die Postleitzahl
von Hochdorf ist, ist der Name bereits zum
Begriff geworden. Das Projekt entspreche
dem Wesen des Seetals, sagt Geschäftsführer
Hans Peter Stutz. Es gehe darum, kleinen
Unternehmen eine gemeinsame Infrastruktur
mit Cafeteria und einen grossen Auftritt
zu verschaffen. Im Sommer werde eine Genossenschaft
gegründet, um die Zusammenarbeit der
künftigen Mieter in der Fabrik zu stärken.
'Braui', das neue Kulturzentrum.
Es gebe immer wieder Hochdorfer
Betriebe, die für Aufsehen sorgten,
sagt Gemeindepräsident Bieri, 4B etwa
mit dem selbstreinigenden Fenster, Tschopp
Holzbau mit einer speziellen Holzwand, die
aus einzelnen Brettern zusammengefügt
ist, oder Swissray, eine Firma, die mit
der Entwicklung eines digitalen Röntgenapparates
auf sich aufmerksam gemacht habe. Das Tief
der frühen 1990er Jahre mit der Schliessung
von traditionsreichen Betrieben wie der
Seifenfabrik, im Volksmund 'Seipfi', oder
der Brauerei Hochdorf scheint verflogen.
Die 'Braui', die 1992 geschlossene Brauerei,
war das erste Beispiel einer erfolgreichen
Umnutzung. Der Zauber der alten Industrieliegenschaft
mit originalen Braukesseln wurde als Kulturzentrum
und Ort gesellschaftlicher Begegnung wiederentdeckt.
Nach Um- und Neubau entstand das Kulturzentrum
mit Gemeindesaal, Restaurant und Regionalbibliothek.
Der 'Braui'-Turm, das alte Sudhaus der Brauerei,
wird da und dort als neues Wahrzeichen der
Gemeinde wahrgenommen. Im neuen Gemeindesaal
werden jährlich rund 600 Veranstaltungen
durchgeführt. Hochdorf und das Seetal
brauchen solche Orte wie die 'Braui', um
nicht stärker in den Sog von Luzern
zu geraten, das nur 25 Bahnminuten entfernt
ist. Nonkonforme Kultur, welche die gesellschaftlichen
Bewegungen der Zeit registriert, hat dort
ihren Platz.
Der neue Seetaler und die Kanti.
Hochdorf und das Seetal haben keinen
Schnellzughalt und keinen Autobahnanschluss.
Der grosse Verkehr auf Schiene und Strasse
verläuft westlich und östlich
des Seetals. Das Seetal gilt als eher ruhige
Region, ihre Vertreter im Grossen Rat treten
wenig kämpferisch für regionale
Interessen ein. Entscheidend sei nicht das
Kämpfen, sondern der Erfolg, sagt Regierungsrat
Kurt Meyer, auch er ein Seetaler. Man habe
nicht den Eindruck, vom Kanton vernachlässigt
zu werden, sagt Gemeindepräsident André
Bieri. Die Region habe sich geschlossen
für die durchgehende Seetalbahn zwischen
Luzern und Lenzburg eingesetzt und damit
Erfolg gehabt. Seit Ende Juni fahren neue,
schmalere und klimatisierte Fahrzeuge auf
der Strecke. Ein weiterer Erfolg war vor
einem Jahr die Einführung der Maturaklasse
am Gymnasium. Ende Juni wurde der erste
Maturajahrgang gefeiert. Die neue Bahn,
die Maturafeier: nicht, dass dies ausserordentliche
Erfolge wären. Aber es sind wichtige
Wegmarken in der Entwicklung des Tals, das
zum ersten Mal seine Stärken vermarkten
will. Im Vordergrund steht der ruhige, beschauliche
Charakter des Seetals mit zwei Seen und
flachen, sanften Hügelzügen. Eine
Initiative der lokalen Wirtschaftsförderung
will das Seetal als Wohntal fördern.
Über 100 Wohnungen werden in den nächsten
zwei Jahren gebaut. Hochdorf stehe vor einem
Schub, deutet Bieri an: 'Wir haben immer
Mittel und Wege gefunden, wie wir unsere
Ziele erreichen konnten, ohne dass wir spektakuläre
Aktionen lancieren mussten.'
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